Aus Fehlern lernen: Der Bauchfleck als Startrampe

Als Josef Zotter sein Unternehmen an die Wand fährt, fällt es ihm zunächst nicht einmal auf. „Am Anfang ist ja alles weitergelaufen wie sonst, nur, dass ich keine Rechnungen mehr zahlen konnte“, erinnert er sich. Erst mit der Zeit realisiert der Steirer, dass er gerade dabei ist, sein ganzes bisheriges Lebenswerk zu verlieren.

Wir schreiben das Jahr 1996. Zotter, schon damals als ungewöhnlicher Schokoladenmacher und Konditor bekannt, schlittert in die Insolvenz. Gerade noch viel gefeiert und von Banken umworben, muss er nun vom Existenzminimum leben, um seine Schulden zu  bedienen. Kredit gibt’s keinen mehr.

1999 startet er trotzdem seine Produktion wieder neu. Als Standort dient ein verfallener Stall auf dem Grund seiner Eltern in Bergl in der tiefsten Oststeiermark. Mitarbeiter hat er keine. Hier kocht der Chef nun wirklich persönlich. Mit der Zeit stellt sich allerdings wieder der finanzielle Erfolg ein. Heute beschäftigt die Zotter Schokoladenmanufaktur 160 Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von rund 20 Millionen Euro jährlich. Seine Pleite von damals will Zotter nicht missen: „Ein Insolvenzverfahren im Leben reicht. Aber aus heutiger Sicht war das eine Bereicherung. Damals hat mir keiner geholfen oder mich bestärkt. Ich habe ganz auf mich selbst vertrauen müssen.“

Karrierebooster Pleite

Auch Damian Izdebski kennt das Gefühl, gerade noch ganz oben gestanden zu sein, um dann innerhalb von Wochen zu einem Nobody zu werden. Mit DItech zieht Izdebski Österreichs erfolgreichste Elektrohandelskette auf. Zu seiner Bestzeit macht das Unternehmen mit 255 Mitarbeitern rund 120 Millionen Euro Umsatz und überflügelt die Konkurrenten Saturn und Mediamarkt. Doch dann überfordert das rasche Wachstum. 2014 ist Izdebski zahlungsunfähig. Und erlebt Ähnliches wie Zotter: Auf einmal meldet sich kaum einer der vielen Freunde von früher. „Ich war natürlich Realist genug, um zu wissen, dass die meisten meiner Kontakte im Telefonbuch eben die Freunde vom DiTech-Gründer sind und nicht vom Damian Izdebski.“

Inzwischen hat auch Izdebski wieder neu durchgestartet, mit einer neuen Computerfirma, die sich Techbold nennt. Wie Zotter sieht auch er gerade das Scheitern als jenen Punkt seiner Karriere, an dem er am meisten dazugelernt hat: „In den drei Monaten vor der Insolvenz und danach habe ich mehr gelernt als in den 15 Jahren davor.“ Dass es in Österreich keine Kultur des Scheiterns, des Fehlermachens gibt, ärgert ihn allerdings bis heute: „ Die wenigsten in meiner Situation teilen diese Erfahrungen. Das ist schade. In den USA wirst du erst durch das Scheitern als Unternehmer komplett.“

Aus Scheitern geboren: Viagra

Zu Recht. Denn unzählige Erfindungen, persönliche Karrieren und historische Begebenheiten zeigen, dass ein Fehler oft der Ausgangspunkt für große Errungenschaften werden kann, das Scheitern zu einer Startrampe in den Erfolg. Hätte sich Christopher Kolumbus bei seinen geografischen Überlegungen nicht völlig vertan, hätte er niemals Amerika entdeckt. Hätten Herzforscher nicht daran geglaubt, dass man mit dem Wirkstoff Sildenafil Herzbeschwerden behandeln kann, hätten sie niemals damit herumexperimentiert und quasi im Vorübergehen ein Medikament erfunden, dem unzählige Herren mittleren Alters ihre Widerauferstehung verdanken: Viagra.

Und trotzdem haftet, insbesondere in Europa, dem Misserfolg ein übler Ruf an. Während in den USA schon Henry Ford betonte, unsere Fehlschläge seine oft nutzvoller als unsere Erfolge, verzichten in Europa viele Menschen aus Angst vor dem Scheitern oft immer noch darauf, etwas Neues zu wagen. Anstatt Innovation und Risikobereitschaft zu fördern, funktioniert hier meist ein System von Belohnung und Strafe. Gelingt etwas, gibt es Zuckerbrot, geht es schief, knallt die Peitsche. Kein Wunder, dass Fehler lieber vertuscht als präsentiert werden.

Tabuthema Fehler

Dabei zählt die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen, zu den vielleicht größten Begabungen des Menschen, ist der Philosoph und Autor des Buchs „Die Kunst, Fehler zu machen“, Manfred Osten, überzeugt. Dennoch bleiben Fehler bis heute ein Tabu-Thema. Und so gibt es zwar jede Menge Ratgeber zum Thema Erfolg, aber nur wenige zum Thema Scheitern. Eine schnelle Recherche auf Amazon bestätigt es: 30.138 Bücher über Erfolg, 1.566 über Scheitern. Eindeutiger geht’s kaum.

Freilich: Fehler machen allein reicht noch nicht, um am Ende die großen Siege einzufahren. Ob Menschen aus Niederlagen gestärkt hervorgehen oder daran zerbrechen hängt auch von ihrer Persönlichkeit ab. Von Resilienz, eigentlich ein Begriff aus der Technik, sprechen Psychologen, wenn sie die Fähigkeit beschreiben, nach misslungenen Lebensepisoden wieder nach vorne zu schauen. Wie gut jemand das kann, hängt zum Teil von der persönlichen Veranlagung ab, zu einem größeren Teil ist es aber etwas, das steuerbar und auch erlernbar ist.

Wie man wieder aufsteht

Das zeigen auch die Forschungen des Münchner Ökonomen Holger Patzelt, der untersucht hat, wie gescheiterte Gründer mit Niederlagen umgehen. Der entscheidende Punkt, betont Patzelt, sei es, die negativen Gefühle, die ein Scheitern immer mit sich bringt, nicht zu verdrängen. „Das Scheitern ist ein bisschen so, als würde man einen geliebten Menschen verlieren.“ Nur wer die damit verbundene Trauer akzeptiert, könne in der Folge etwas lernen: „Sonst blockieren die Emotionen alles.“

Helfen mag bei der Verarbeitung von Niederlagen aber vielleicht auch die Tatsache, dass die Grenzen zwischen Erfolg und Scheitern ohnehin oft fließend sind. War Kafka, der sein Leben lang als Autor kaum geachtet wurde, ein Sieger oder ein Verlierer? Oder Van Gogh. Dessen Bilder waren zu Lebzeiten  absolut unverkäuflich. Oder Spencer Silver, der einen neuen Superklebstoff erfinden wollte. Was er nach monatelangem Forschen entwickelt hatte, war exakt das Gegenteil von einem Superkleber. Der Stoff klebte zwar, aber nicht dauerhaft – und schien damit komplett unbrauchbar. Bis es dann doch zur Grundlage von einem der innovativsten Produkte wurde, das die Papierindustrie je auf den Markt brachte: dem Post-it.

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