Es geht auch anders: Karriere nach Lehrbuch? No, thanks!

Gerne betonen Menschen, die die obersten Stufe der Karriereleiter erreicht haben:  „Ich habe diesen Platz nie angestrebt, er hat mich gefunden.“ Koketterie? Britisches Understatement? Beginnende Erinnerungslücken? Die Liste von Spitzenleuten, die behaupten, ihre Toppositionen nie bewusst gewollt zu haben, ist jedenfalls beachtlich: Franz Viehböck war der erste Österreicher im Weltall (er flog mit den Russen) und landete am Ende als Spitzenmanager bei der Berndorf AG. DerBanker Wilibald Cernko flog (oder besser: ging) von der Schule, wurde Soldat auf den Golanhöhen und schaffte es dann doch zum Chef der Bank Austria. Freilich: Fleiß gehört immer dazu, vom Himmel fallen Erfolge auch bei Quereinsteigern nicht. Doch sie hängen auch damit zusammen, dass diese Menschen in ihren Lebensläufen statt immer ausgetretenen Pfaden zu folgen, auf ihre innere Stimme hörten. Gerade am Beginn einer Jobkarriere ein ungewohnter Weg und mutiger Weg. Wir haben fünf Beispiele recherchiert.

 

Thomas Schranz: Silicon-Valley-Ikone statt IT-Knecht

Thomas Schranz, Wien: Entwickler der Kommunikationsapp Blossom, die von NASA, Twitter, Netflix und Facebook genutzt wird.

Als die Erleuchtung kommt, arbeitet Thomas Schranz noch im digitalen Marketing, begleitet Kampagnen, unter anderem für Facebook. Eines der Probleme, mit denen er dabei konfrontiert ist: Zeitzonenübergreifend mit seinen Kollegen zu kommunizieren, gestaltet sich immer wieder schwierig, trotz Mail und anderer Tools.

Der Entschluss, eine eigene Kommunikations-App zu programmieren, ist relativ schnell gefasst. Als eingefleischter Computerfreak weiß Schranz schließlich, dass in manchen Fällen Selbsthilfe die beste Option ist: „Irgendwann haben wir uns dann gedacht: Wir können so etwas ja selber in unserer Freizeit bauen, auch wenn wir die einzigen sind, die das dann verwenden werden.“

Eine phänomenale Fehleinschätzung, wie man inzwischen weiß. Denn statt von einer Handvoll Menschen, wie Schranz zuerst vermutet, wird Blossom, so heißt das aus der Not heraus erfundene Tool, inzwischen von unzähligen Unternehmen weltweit genutzt: unter anderem von der NASA, Twitter, Netflix und auch von Schranz´ früherem Arbeitgeber Facebook. Was für den Erfinder persönlich, aber noch mehr wiegt: Heute weiß er, dass  die Kraft, die ihn antreibt und ihn motiviert, der Wunsch ist, Menschen miteinander kommunizieren zu lassen: „Ich möchte Leute zusammenbringen, die sich noch nicht kennen, aber kennen sollten.“ Das tut er mit der Blossom-App, aber auch als ein umtriebiges Mitglied der Start-Up Community zwischen Wien, London und San Francisco.

Wobei: Software-Entwickeln fasziniert ihn immer noch. Und er erklärt es so: „Software zu entwickeln ist wie Texte schreiben, die lebendig sind. Wenn du einen Code schreibst und auf einen Server gibst dann funktioniert er rund um die Uhr. Egal ob du schläfst oder munter bist. Das ist ein bisschen wie zaubern.“

Von gängigen Vorstellungen, wie Arbeit und Job aussehen sollten, hält Schranz übrigens wenig. Wie jeder Gründer erledigt zwar auch er ein immenses Arbeitspensum, doch ein fixes Büro gibt es bei Blossom nicht. Das Büro ist dort, wo die Mitarbeiter von Blossom gerade sind: mal in Wien, mal in London, mal im Kaffehaus, mal im Park. Ein kreatives Modell, von  dem Schranz überzeugt ist, dass es auch in größeren  Firmen funktionieren kann.

 

Roman Firnkranz: Smoothie-Guru statt Profi-Kicker

Roman Firnkranz, Hollabrunn: Buchautor, Health-Food-Berater, Online-Vermarkter www.gruene-smoothies.info, eine der größten Rezept-Webseiten des deutschsprachigen Raums.

Mit zwölf beschließt Roman Firnkranz Profifußballer zu werden. Damals ist er einer der besten Jugend-Torhüter in Österreich. Bis fast zwanzig hält er durch, dann merkte er: mit der Champions League wird das nichts mehr werden. Ein 180-Grad-Schwenk folgt: vom grünen Rasen zum Computer. Das nächste Ziel ist nicht minder ambitioniert: Profi-Gamer werden, das sitzende Kontrastprogramm gewissermaßen. Beruflich geht der studierte Wirtschaftsingenieur damals einer eher grauen Tätigkeit nach, er ist als Betriebsprüfer für das Bundesministerium für Finanzen unterwegs.

Zugleich interessiert sich Firnkranz aber auch für Ernährung. Als er eines Tages, von Computer und Job gefordert, nach mehr Energie sucht, kommt er auf den Gedanken, mit grünen Smoothies zu experimentieren. Und auf einmal ist alles klar: Sich und anderen eine gesunde Ernährung zu ermöglichen, das ist es, was er machen will.

Von da an geht es Schlag auf Schlag, Firnkranz lässt sich zum Ernährungsberater ausbilden, über seine Homepage, auf der er eine Smoothie-Challenge veranstaltet, wird er rasch in der Health-Food-Community und dann auch bei einem breiteren User-Kreis bekannt. Heute zählt seine Seite www.gruene-smoothies.info  zu den größten deutschsprachigen Smoothie-Plattformen mit rund 250.000 Besuchern monatlich. Dass ihr Betreiber kurzfristig auch eine Werbeagentur betrieben hat, schadet dabei nicht, so sind ihm die wichtigsten Kniffe, um möglichst viele User zu interessieren, wohlbekannt.

Einen ersten Erfolg auf der Old-Media-Schiene hat Firnkranz inzwischen auch vorzuweisen:  Sein Buch „Meine grünen Smoothies“ erschienen 2016 im Riva-Verlag und ist extra für jene konzipiert, die in die gesunde Ernährung einsteigen wollen. Dass seine Erfolge inzwischen so beträchtlich sind, obwohl er in einem sehr stark bespielten Feld des Online-Marketings arbeitet, erklärt sich Firnkranz mit drei Faktoren: Beharrlichkeit, gute Inhalte und intensive Kommunikation mit seinen Usern. Ein weiteres Zukunftsprojekt hat er bereits im Kopf: „Der Aufbau einer Online-Ernährungsschule, wo ich Menschen helfe, ihre persönliche perfekte Ernährung zu finden.“ Alles im grünen Bereich also.

 

Lisa Maria Matzner: Wedding Plannerin statt Designerin

Lisa Maria Matzner: Eventagenturunternehmerin, organisiert Feste an den exotischsten Plätzen.

Das Herz von Lisa Maria Matzner schlägt für große Feste. Inzwischen weiß sie das auch. Die Kärntnerin, die zunächst das CHS-Villach für Mode und Design besuchte, steht dort zunächst oft als Modell auf der Bühne. Bald spürt sie allerdings, dass das eigentlich die falschen Seite ist:  „Ich wusste ab diesem Zeitpunkt genau: das will ich auch können – einen Menschen von Kopf bis Fuß zu stylen.“ Also nicht mehr auf dem Laufsteg die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu ziehen, sondern im Hintergrund große Auftritte möglich machen.

Noch ist nicht absehbar, wohin das führen könnte. Doch irgendwann ist der Entschluss gefasst und Matzner weiß: sie will einen eigenen, ganzheitlichen Event- und Stylingsalon haben, einen, wo ein und dieselbe Person für alles verantwortlich ist: von der Frisur bis zum Make Up. Und sie will auch die dazugehörigen Feste organisieren, vor allem Hochzeiten, aber nicht nur.  Kurz darauf gründet sie mit Ihrer Teilhaberin Martina Galla „Your choice styling + events“. Das Inventar kaufen sie auf Flohmärkten, die Möbel schleifen sie in Eigenregie ab. Peeling-brutal sozusagen.

Bisweilen sind die von „Your choice styling + events“ angebotenen Packages auch recht außergewöhnlich komponiert und verlangen ein ausgeklügeltes Zusammenspiel aus Stylingkunst und Eventplanung, etwa die Hochzeit in den Kärntner Bergen, bei der eine der Herausforderungen darin besteht, dass die Frisur der Braut besonders festlich sein soll, dabei aber dennoch bombenfest sitzen muss.

Glückliche Momente im Leben ihrer Kunden sind der entscheidende Punkt an ihrem Beruf, sagt Matzner heute: „Natürlich braucht jeder Geld, um sein Leben zu finanzieren, aber meine Bezahlung ist das Lachen und das Glück und die Zufriedenheit, die meine Brautpaare an ihrem Hochzeitstag ausstrahlen.“

 

 Jannike Stöhr: Personalchefin, Bäuerin, Architektin, Fernsehjournalistin – und Buchautorin

Jannike Stöhr: Geboren, um Jobs zu testen. Hat schon 30 durch. Wird ein Buch darüber schreiben.

Jannike Stöhr hat einen tollen Job als Personalerin bei einem Industrieunternehmen und das peinigende Gefühl, etwas zu versäumen: „Es war ein guter Job mit guter Bezahlung und guten Perspektiven – aber glücklich gemacht hat er mich nicht“. Und so erfindet sie sich selbst einen neuen Job, nein eigentlich nicht einen, sondern gleich mehrere. Ein Jahr lang, so der Plan, will sie als Praktikantin Berufe ausprobieren. Hat sie bislang als Personalerin Menschen darauf überprüft, ob sie zu einem konkreten Job passen, so will sie jetzt den Job finden, der zu ihr passt.

Der Start ist härter als gedacht, gleich in ihrem ersten Versuch jobbt Stöhr als Kindergärtnerin. In ihrem Blog, den sie über ihre Erlebnisse geschrieben hat, erinnert sie sich: „Es ist laut und schnell gibt es die erste Schreierei. Julia hat geschubst! Was nun? Ich bin ratlos. Soll ich das schubsende Kind zurechtweisen, das heulende in den Arm nehmen?“

Bisweilen ist auch Skurriles dabei, als Stöhr sich im Beruf einer Biobäuerin versucht, weniger, weil sie glaubt, tatsächlich einmal hauptberuflich Kühe zu melken, sondern weil ihr Bio sympathisch ist. Und so findet sie sich gleich an ihrem ersten Tag, nach einem Arbeitsstart  im Morgengrauen, bei einer Frühstückspause bei der 91-jährigen „Hof-Oma“ wieder. Es gibt Tee und belegte Brötchen: „Wir sitzen zu fünft am Küchentisch – Oma und ich mitgezählt. Kaum, dass ich mich versehe, steht auch schon ein fünfzigprozentiger Kräuterschnaps vor meinem Teller. Auf die erfolgreiche Kartoffelernte vom Wochenende wird angestoßen.“

Ihre Reise durch dreißig Berufe hat Stöhr konsequent durchgezogen, sie versuchte sich unter anderem als Architektin, Fernsehjournalsitin, castete Sänger an der Seite eines Opernagenten und spendete Trost als Gehilfin eines Pastors. Am Ende ihrer Reise durch die Berufe zieht es sie  dann in die Beraterbranche. Doch der Job, für den Stöhr geboren zu sein scheint, ist es, Jobs zu testen. Und so soll heuer eine zweite Runde folgen: Demnächst beginnt Stöhr damit, weitere 30 Berufe auszuprobieren. Und wie schon nach der ersten Runde will sie danach ein Buch drüber schreiben.

 

Friedrich Jergitsch: Online-Satiriker statt Rechtsanwalt

Friedrich Jergitsch, Gründer „Die Tagespresse“: Meistgelesene Satirezeitung des Landes – deren fake News es oft genug in Deine Timeline schaffen.

Wenn jemand in die Familie eines der besten österreichischen Finanzanwälte hineingeboren wird, dann ist eine Karriere als Jurist nicht gerade unwahrscheinlich. Fritz Jergitsch Sohn des Wiener Anwalts Friedrich Jergitsch will diesem Automatismus nach der Matura nicht folgen. Er geht in die Niederlande und studiert Volkswirtschaftslehre. So weit, so gewöhnlich: Wirtschaft, Ausland – eine Karriere zwar nicht in Fußstapfen des Vaters aber in einer ähnlichen Liga scheint sich anzubahnen.

Doch als einer, der schon im zarten Volksschulalter mit den Eltern die „Zeit im Bild“ anschaute und seitdem nie sein Interesse an Politik verloren hat, drängt es Jergitsch, als er nach Österreich zurückkehrt, statt in die Wirtschaft in Richtung Medien. Was er hier vorfindet, erscheint ihm allerdings zum Großteil langweilig und provinziell. Ein Satiremagazin, das ihm gefallen würde, gibt es auch nicht. Und dann ärgert er sich auch noch über die Saatgutverordnung der EU und postet einen Text mit dem Titel „Gelangweilter EU-Kommissar will Zellteilung regulieren“.  Damit hebt der damals 22-jährige „Die Tagespresse – Österreichs seriöseste  Online-Zeitung“ aus der Taufe. Zwei Jahre später kann er davon leben. Inzwischen hat die Tagespresse rund eineinhalb Millionen Seitenaufrufe monatlich.

Im Alltag ist Jergitsch allerdings  eher nachdenklich veranlagt: „Ich bin kein extrovertierter Alleinunterhalter, sondern einer, der vom Hintergrund aus bissig beobachtet. Auf einer Party stehe ich auf der Seite und schiebe Kommentare über die Leute, die vorbeigehen”, sagt er.  Und dennoch hat Jegritsch wie wohl alle, deren Karrieren überraschend, aber am Ende doch sehr erfolgreich verlaufen sind, einen Herzenswunsch, der hinter seiner Arbeit steckt: „Ich will die Menschen, die in der U-Bahn, in der Arbeit oder im Vorlesungssaal meine Artikel lesen, unterhalten und zum Lachen bringen. Und natürlich habe ich die Ambition, die Leute zum Nachdenken anzuregen.“ Was ihm immer wieder gelingt.

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